Aktuelles: Preisverleihung 2026 im Literaturhaus Schleswig-Holstein in Kiel an Jan Röhnert

Wilhelm-Lehmann-Preis 2026 an Jan Röhnert verliehen

Autor*in Wolfgang Menzel (CBK Online-Redaktion)
Erschienen am: 19.05.2026


Jan Röhnert erhielt den Wilhelm-Lehmann-Preis 2026

Wie seit 2009 alle zwei bis drei Jahre – und damit bereits zum achten Mal – wurde in diesem Jahr wieder der Wilhelm-Lehmann-Preis verliehen. Beate Kennedy, Vorsitzende der Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft, überreichte am 9. Mai 2026 die Auszeichnung an Jan Röhnert für herausragende Leistungen im essayistischen Nature Writing. Er erhielt den mit 7.500 Euro dotierten Preis im vollbesetzten Vortragssaal des Literaturhauses Schleswig-Holstein in Kiel. Das Literaturhaus im Alten Botanischen Garten bot den idealen Rahmen für die feierliche Preisverleihung. Der Karlsruher Literaturwissenschaftler und stellvertretende Vorsitzende Wolfgang Menzel begründete die Entscheidung der Jury, der neben den beiden Vorsitzenden der Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft die Kieler Literaturwissenschaftlerin Sonja Klimek, der Frankfurter Literaturkritiker Christoph Schröder, der Literaturvermittler Wolfgang Sandfuchs und der Berliner Schriftsteller und Wilhelm-Lehmann-Preisträger von 2016, Stephan Wackwitz, angehörten.

Jan Röhnert, der in Leipzig lebt und in Braunschweig Literaturwissenschaften lehrt, widmet sich seit einigen Jahren intensiv dem Genre des Nature Writing.

Bereits in Gehen im Karst, 2021 in der Reihe „Naturkunden“ bei Matthes & Seitz erschienen, habe Jan Röhnert nach Auffassung der Jury seine Erlebens- und Schreibform gefunden, Landschaften als Texte zu lesen. Dies setze sich in dem 2025 im Arco Verlag Wuppertal erschienenen Band mit dem programmatischen Titel Wildnisarbeit – Schreiben, Tun und Nature Writing fort, in dem sich literarische und ökologische Aspekte miteinander verbinden. Röhnert überzeugte die Jury mit seiner von literarischem Formvermögen geprägten poetischen Prosa, welche die Schnittstellen von Wissenschaft und Poesie freilege – „in essayistischer Form, für die das persönliche Beteiligtsein am Gegenstand wesentlich ist“.

Katja Lange-Müller hielt die Laudatio im Literaturhaus Schleswig-Holstein in Kiel

In ihrer mit großem Applaus aufgenommenen Laudatio nannte die Berliner Schriftstellerin Katja Lange-Müller den Preisträger einen „jener ökologisch sensiblen Artgenossen und Art-Genossen jedweden Geschlechts, deren Fraktion glücklicherweise immer größer wird, sicher auch seinetwegen“. Sie betonte, dass Röhnert der inzwischen allgegenwärtigen Künstlichen Intelligenz seine künstlerische Intelligenz entgegensetze. Dabei belasse er es nicht „beim literarischen Feiern von Natur, Wildnis, Ulme, Bussard und Milan“ – häufige Protagonisten nicht nur in seiner Lyrik –, sondern agitiere auch leidenschaftlich für sie, lade seine Leserinnen und Leser ein, „es ihm gleichzutun, sein Staunen, seine Freude an all dem und seine Sorgen darum zu teilen“.

In seiner Dankesrede nahm Jan Röhnert das Publikum mit auf eine mehrtägige Wanderung in die Gegend des thüringischen Wickersdorf, wo Wilhelm Lehmann von 1912-1920, unterbrochen durch zwei Jahre Kriegsdienst und englische Kriegsgefangenschaft, als Lehrer an der reformpädagogischen „Freien Schulgemeinde“ wirkte. Dabei gelang es Röhnert, den „epischen Zustand vom Gehen im Gras“ zu vermitteln, jene „gesellige Einsamkeit“ des durch Natur und Landschaft wandernden Menschen, von der Lehmanns 1927 begonnene Aufzeichnungen des Bukolischen Tagebuchs durchdrungen sind. Röhnert formuliert es heute unter Bezug auf die Resonanztheorie des Soziologen Hartmut Rosa und die – wie er selbst einschränkt: umstrittene – Theorie der „morphogenetischen Felder“ des Biologen Rupert Sheldrake so: „Der epische Zustand stellt sich beim rauschhaft-geräuschlosen Draußensein ein, in der staunenden Resonanz mit den Dingen, ein Zustand des Antwortens, der symbiotischen Gestimmtheit zwischen verschiedenartigen Wesen und Formen“.

Dabei zeigt sich Röhnert keineswegs als mystisch verstiegen oder esoterisch ausgestiegen. Vielmehr verbindet er fundiertes naturkundliches Wissen – wie etwa über die für ihn zum Symbol des Widerständigen gewordene Ulme – mit einem Bewusstsein für kulturelle und historische Zusammenhänge. Verantwortlichkeit mündet bei ihm in politischem Aktivismus. So weist er auf den Zusammenhang von Krieg und Naturzerstörung hin, denn man könne sich „in der Entrückung des epischen Zustands beim Gehen“ nicht frei machen von den „Zumutungen des globalen Krieges“ um Ressourcen und von den "Kriegsverbrechen gegen die Natur". Röhnert nennt konkrete Beispiele und zitiert eine Stelle aus Wilhelm Lehmanns vor einhundert Jahren geschriebenem Roman Der Überläufer. Dort heißt es über den Romanhelden: „Er verabscheute die Ideologie derjenigen, die, ohne den Schrecken der Granaten am eigenen Leib gespürt zu haben, den Krieg in den natürlichen Zustand der Welt hineinbegründeten, und er verachtete die ganz Jungen, wenn sie denen zur Beute fielen, die ihre Ärmlichkeit mit dem Glauben auffütterten, man müsse zum Krieg bereit sein“.

Nach seiner mit großem Beifall aufgenommenen Rede und in Anspielung auf Lehmanns Erzählung „Die Kastanien“ verteilte Jan Röhnert – Kastanien: Er hatte sie in Wickersdorf gesammelt und vorkeimen lassen und forderte das Publikum zum Abschluss auf, sie „als Erinnerung an die Kostbarkeit der Welt“ zu Hause oder an einem geheimen Ort im Wald zu vergraben und über die Jahre hinweg gelassen zu beobachten, was sich daraus entwickle.

Spannend und erkenntnisfördernd wird es sein, zu verfolgen, wie das deutschsprachige Nature Writing, und insbesondere das Naturschreiben Jan Röhnerts, in den nächsten Jahren gedeiht.

Wolfgang Menzel, Stellvertretender Vorsitzender der Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft e.V.

Foto: Mirette Bakir

Die Dankesrede von Jan Röhnert finden Sie hier.

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Über Wilhelm Lehmann

Biographie & Stimmen

Wilhelm Lehmann wurde am 4. Mai 1882 in Puerto Cabello (Venezuela) als Sohn eines Lübecker Kaufmanns und einer Hamburger Arzttochter geboren. Mehr lesen