Autor*in Wolfgang Menzel (CBK Online-Redaktion)
Erschienen am: 21.05.2026
Kastanien statt Bomben. Eine Erzählung und ihre Geschichte
Ein Text von Wolfgang Menzel aus dem Jahr 2018 (ungedruckt) anlässlich der damaligen Wilhelm-Lehmann-Ausstellung im Stadtmuseum Eckernförde
Hier veröffentlicht im Zusammenhang mit der Preisrede (2026) Jan Röhnerts, die auf Lehmanns "Kastanien"-Erzählung Bezug nimmt.
Mit einer Ausstellung und einem umfangreichen Begleitprogramm erinnert man diesen Herbst in Eckernförde an Wilhelm Lehmann. Als der Dichter vor 50 Jahren, am 17. November 1968, starb, zählte er zu den bedeutendsten Lyrikern seiner Generation. Lange war er fast vergessen, heute wird der Verfasser des Bukolischen Tagebuchs und des Romans Der Überläufer wieder wahrgenommen. Zur Eröffnung der Ausstellung "Der Wanderer und der Weg. Wilhelm Lehmann 1882-1968" trug der Schauspieler Hanns Zischler im Stadtmuseum Eckernförde die Novelle "Die Kastanien" vor – ein auf den ersten Blick unscheinbares und harmloses, jedoch leicht zu unterschätzendes Prosastück mit einer in doppeltem Wortsinn besonderen Geschichte. Mit "Die Kastanien" reagierte Lehmann, Deserteur im Ersten Weltkrieg, literarisch-verschlüsselt auf die deutschen Bomber über Warschau zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Wie auch bei anderen Werken Lehmanns wurde der Abdruck zunächst abgelehnt.
"Die Arbeit beginnt für mich als Erzählung reinster klarster Art, während sie am Schlusse, von der Betrachtung der Kastanien an, Gedicht wird", schreibt Oskar Loerke seinem Freund Wilhelm Lehmann am 21. Oktober 1939. Er meldet Zweifel an, ob "jeder den Schritt vom einen Gebiet in das andere" mitgehen würde. Lehmann war diesen Schritt von der Prosa in die Lyrik bereits gegangen. Es war, wie die aktuelle Ausstellung eindrucksvoll zeigt, ein langer Weg. Begonnen 1923 mit dem Wechsel auf eine Lehrerstelle in Eckernförde, führte er Lehmann über die Zwischenstufen der ungedruckten Romane Der Überläufer und Der Provinzlärm sowie der poetischen Naturaufzeichnungen seiner Kolumnen für die Sonntagszeitung Die Grüne Post keineswegs geradlinig, aber folgerichtig 1935 zu seinem ersten Gedichtband Antwort des Schweigens. Die Kolumnen erschienen erst 1948 als Buch unter dem Titel Bukolisches Tagebuch. Als Essayist begann Lehmann sich ab 1936 einen Namen zu machen. Man kannte und schätzte ihn. Wenn Redakteure angesehener, noch nicht völlig gleichgeschalteter Zeitschriften und Zeitungen im November 1939 den Abdruck einer neuen Erzählung dieses Autors ablehnten, musste das einen besonderen Grund haben.
Karl Korn, Redakteur der Neuen Rundschau mäkelte, er habe "mehr Handlung und Vorgang erwartet". Und in der Tat, es geschieht nicht viel. Der Plot ist wenig aufregend. Ein Gemüsehändler in einer kleinen Stadt an der Westküste Schleswig-Holsteins stellt in seinem Schaufenster auf einem Brett nur jeweils ein landwirtschaftliches Produkt der Saison aus. Der wortkarge Sonderling freundet sich mit dem hierher vermutlich strafversetzten Kunstlehrer Oldenschott an. So genau weiß es der Erzähler der Geschichte nicht, er hat alles nur aus zweiter Hand. Jedenfalls legt Beißhaupt eines Herbsttages nur noch Roßkastanien in seinem Laden aus. Roßkastanien sind – im Unterschied zu Edelkastanien – ungenießbar und daher wertlos. Die Erwachsenen halten ihn für verrückt, die Kinder drücken sich die Nasen an der Scheibe platt. Beißhaupt verteilt die Kastanien an die Kinder und verbringt einen Abend, nein die ganze Nacht bis zum frühen Morgen, zusammen mit Oldenschott. Bei einfachem Essen und Wein betrachten sie die Kastanien sowie Reproduktionen von Werken der Malerei, sprechen über Kunst und Literatur, meditieren, philosophieren. Am nächsten Nachmittag ist Beißhaupt spurlos verschwunden.
Max von Brück sah sich bemüßigt, Lehmann die Ablehnung der Frankfurter Zeitung in einem Brief ausführlich zu begründen. Die Feuilletonredaktion, zu der auch Walter Dirks, nach dem Krieg einer der Herausgeber der Frankfurter Hefte und angesehener links-katholischer Publizist, gehörte, fürchtete Repressalien gegen ihre von den Nazis nur widerwillig geduldete Zeitung (1943 wird sie dann verboten). Kurz nachdem die deutsche Luftwaffe im September 1939 Warschau bombardiert und Hitler-Deutschland weite Teile Polens annektiert hatte, in einer Zeit der Siegesmeldungen die Geschichte eines Gescheiterten, eines aus der Welt Entfliehenden zu bringen, hätte als politisches Statement ausgelegt werden können. Da die Redakteure wussten, dass die öffentliche Sprache einer Tageszeitung durchaus heimliche Gedanken transportieren kann, wählten sie, davon ist Uwe Pörksen überzeugt, für den Ablehnungsbrief eine doppelbödige Sprache. Wenn Max von Brück schreibt, die Erzählung habe einen "anderen Spannungsgehalt im Gegenständlichen als das, was man gemeinhin unter Erzählung versteht" und darauf hinweist, man sei fast bereit gewesen, das "literarische Wagnis" auf sich zu nehmen, "für eine ganz kleine Zahl von Lesern" einen Text zu publizieren, der "in einer anderen Zeitung und vielleicht bis auf eine oder zwei Zeitschriften in Deutschland nicht mehr publiziert werden kann", und er am Ende bekennt, dass die "Frage der Annahme oder Ablehnung eine solche publizistischer, nicht aber literarischer Natur" gewesen sei, weil sie "gewissermaßen die literarische Existenz der Zeitung" berührt habe, – dann wird in dieser verschwurbelten, doppelbödigen Ausdrucksweise deutlich, dass die Redaktion erstens in dieser Erzählung einen politischen Anspruch und ein subversives Potential erkennt und man zweitens nicht den Mut hat, das Risiko einer Veröffentlichung auf sich zu nehmen.
Ob Lehmann den Brief im Sinne einer doppelbödigen Sprache verstanden hat, ist nicht bekannt. Er hat die Erzählung später dem Redakteur der Kölnischen Zeitung, Gerhard F. Hering, angeboten, als dieser im Juli 1942 von ihm einen Feuilletonbeitrag, "Gedicht oder Prosa", erbat. Am 1. November 1942 – der Vormarsch der deutschen Truppen im ‚Russlandfeldzug‘ war zum Erliegen gekommen – erschien die Erzählung in der gleichgeschalteten Kölnischen Zeitung. Sie passt auf eine Zeitungsseite, wie das Faksimile in der Eckernförder Ausstellung beweist. Und sie ist nur an einer Stelle verändert, politisch entschärft: Der vorsichtige Autor Lehmann hatte die Handlung der im Oktober 1939 entstandenen Erzählung in die Zeit vor 1933 verlegt, über die Jetztzeit 1939 aber eindeutig geurteilt: "Weltkrieg und Inflation waren geschehen, das Grausen der Zeit stand erst bevor." Im Erstdruck 1942 ist ‚Grausen‘ durch das neutrale Wort ‚Wende‘ ersetzt. Die Doppelbödigkeit bleibt jedoch erhalten, denn das Wort ‚erst‘ ist nicht getilgt. Mit Weltkrieg und Inflation waren zwar schlimme Übel geschehen, "die Wende stand erst bevor" – das kann auch als versteckte Wertung, als Steigerung zum Schlimmen gelesen werden.
Die Geschichte Beißhaupts hat übrigens, wie Uwe Pörksen kürzlich nachgewiesen hat, ein reales Vorbild im holsteinischen Heide: Ferdinand Peters, genannt Elias Regenwurm – ein gesellschaftlicher Aussteiger, von den Nazis stigmatisiert, drangsaliert, ins städtische Armenhaus gezwungen. Lehmann, der einen Schwager in Heide hatte, kannte Peters und Peters kannte Lehmann. Marie-Elisabeth Rehn erzählt in ihrem verdienstvollen Buch Heider Gottsleider. Kleinstadtleben unter dem Hakenkreuz die Geschichte der Ausgrenzung von Ferdinand Peters. Es ist die – von Lehmann nicht erzählte – Vorgeschichte Beißhaupts.
Die Erzählung "Die Kastanien" wurde 1947 in den Sammelband Verführerin, Trösterin und 1956 in Lehmanns Erzählband Der stumme Laufjunge aufgenommen. Drei Jahre später war sie Schullektüre. 1959 steht sie in Heft 11 von Schöninghs Moderne Erzähler neben Alfred Döblins "Ermordung einer Butterblume" und Franz Kafkas "Ein Hungerkünstler". Auch solche Entdeckungen und Zusammenhänge zeigt die Eckernförder Wilhelm-Lehmann-Ausstellung.
Literatur:
Wilhelm Lehmann, Gesammelte Werke in acht Bänden. Band 5: Erzählungen. Hrsg. von David Scrase. Stuttgart: Klett-Cotta 1994.
Uwe Pörksen, Die Roßkastanie als Gegenüber des Zweiten Weltkriegs. Wilhelm Lehmanns Erzählung "Die Kastanien". In: Menzel, Wolfgang (Hrsg.): Metamorphosen des Überläufers. Husum Verlag 2018, S. 26-35 (=Sichtbare Zeit Nr. 7. Journal der Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft).
Marie-Elisabeth Rehn, Heider Gottsleider. Kleinstadtleben unter dem Hakenkreuz: Eine Biographie. Berlin: Pro Buisness 2005, S. 117 f.