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DIE WELT-online vom19.06.10 Nüsse und Gräser von Tilman Krause Merlinszeit
- Jan Wagner liest Wilhelm Lehmann und eigene Gedichte. Prinz-Max-Palais Karlsruhe
am 22. Juni um 20 Uhr
Badische Neueste Nachrichten, Samstag 26.6.2010 Bericht zu dieser Veranstaltung: Liebenswerte
Verspieltheit „Natur
wird von schlechter, flauer Dichtung besonders leicht betrogen. Nur äußerste
Gewissenhaftigkeit hält ihr stand. Ohne Eindruck kein Ausdruck. Sprache als Andächtigkeit
vor ihrem Gegenstand." Das schrieb der Dichter Wilhelm Lehmann in einem
Aufsatz 1967, ein Jahr vor seinem Tod im gesegneten Alter von 86 Jahren. Eine
gerade vollendete neue Werkausgabe in acht Bänden bietet Stoff genug für eine
Neubeschäftigung mit dem einst gefeierten und heute fast vergessenen
Schriftsteller, der vor allem als Naturlyriker in die jüngere deutsche
Literaturgeschichte eingegangen ist. Mitherausgeber Wolfgang W.
Menzel, Dozent am Institut für deutsche Sprache und Literatur an der Pädagogischen
Hochschule in Karlsruhe, stellte Leben, Werk und die Gesamtausgabe von Wilhelm
Lehmann im spärlich besuchten Literaturhaus im Karlsruher Prinz-Max-Palais vor.
Überraschend war zu erfahren, dass Lehmann sich zunächst als Romancier betätigt
hat, unter anderem mit dem Kriegsroman „Der Überläufer", der allerdings
erst 1962 im Rahmen einer ersten Werkausgabe veröffentlicht wurde. Das allmählich
abflauende Interesse an dem Autor, der in den Zeiten, als Hans Magnus
Enzensberger und Ingeborg Bachmann den Ton der deutschen Lyrik angaben, mehr und
mehr ins Hintertreffen geriet, konnte diese Publikation nicht wiedererwecken.
Dass Wilhelm Lehmann, der in den fünfziger Jahren in einem Atemzug mit
Gottfried Benn genannt wurde, nicht ganz vergessen ist, verrät die Gründung
einer Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft in dessen Heimatstadt Eckernförde. Sie
vergibt den Wilhelm-Lehmann-Preis. 2009 nahm ihn als Erster der Lyriker Jan
Wagner entgegen. Es ist der bislang letzte einer ganzen Reihe von Preisen, die
Wagner im Lauf seiner kaum mehr als ein Jahrzehnt währenden literarischen
Karriere erhalten hat, so ziemlich am Beginn davon stand die Auszeichnung im
Jahr 2001 mit dem Förderpreis des Karlsruher Hermann-Hesse-Literaturpreises. „Jan
Wagner schreibt konzentrierte Gedichte, die genaue Wahrnehmung und Einbildungskraft
miteinander verbinden", bemerkte damals die Jury, der noch Walter Helmut
Fritz angehörte. Jan Wagner ist ein ausgezeichneter Leser, und so brachte er im
Anschluss an Menzels Vortrag in eindringlicher, suggestiver Manier einige
Lehmann-Gedichte und einen Auszug aus seinem „Bukolischen Tagebuch" zu
Gehör, Texte, die in der unangestrengten Bildhaftigkeit, mit der sie den Zauber
der Natur und des Daseins einfangen, durchaus auch heute noch zu berühren vermögen. Ganz
zu schweigen von der Magie des Reims, den Lehmann mühelos beherrschte, der aber
auch dazu beigetragen haben dürfte, dass seine Lyrik irgendwann als veraltet
und unzeitgemäß abgetan wurde. Den Reim, zumindest den reinen, benutzt Wagner
eher selten, aber in der Vorstellung einiger Gedichte aus seinem neuen Band
„18 Pasteten" erwies er sich als lyrischer Virtuose, zu dessen Vorbildern
ganz gewiss auch Wilhelm Lehmann zu zählen ist. Die
Andächtigkeit vor ihrem Gegenstand ist seiner Lyrik ebenso zu eigen wie eine
liebenswerte Verspieltheit, die dazu nicht im geringsten Gegensatz steht.
Bukolische Heiterkeit spricht aus einigen Gedichten, auch wenn man nicht jedes
Bild auf Anhieb nachvollziehen kann („die Sterne glühen wie Kapern über
mir"), vor allem aber eine Lust auf literarische Anspielungen. Wem das in
seiner Gelehrsamkeit schon fast zu verstiegen scheint, den verblüfft er mit
einer „Elegie auf Evel Knievel", den vor kurzem verstorbenen
Motorradartisten, einem Meister in seinem Metier wie Jan Wagner in seinem.
Peter
Kohl
Die jetzt vollständig vorliegende neue Gesamtausgabe der
Werke Wilhelm Lehmanns wurde in der überregionalen Presse mit
beachtlichen Kommentaren zur Kenntnis genommen. |