Home
Vorstand
Lehmann-Tage
Sichtbare Zeit
Lehmann-Preis
Presse

DIE WELT-online vom19.06.10

Nüsse und Gräser

von Tilman Krause

Merlinszeit - Jan Wagner liest Wilhelm Lehmann und eigene Gedichte. Prinz-Max-Palais Karlsruhe am 22. Juni um 20 Uhr
Wer hätte das gedacht? Selbst Wilhelm Lehmann (1882 bis 1968), in der Nachkriegszeit als Antipode Gottfried Benns aufgebaut und von den einen verehrt, von den anderen als allzu harmloser "Bewisperer von Nüssen und Gräsern" verachtet, selbst dieser dichtende Studienrat aus Eckernförde in Schleswig-Holstein also, er erlebt nunmehr seine Renaissance. Nicht wenig dazu beigetragen hat der gegenwärtige Trend zum Naturgedicht, dem auch Jan Wagner huldigt. So kommt es nicht von ungefähr, dass der 1971 Geborene erster Preisträger einer nach Lehmann benannten neuen literarischen Auszeichnung ist. Mit Überschriften wie "Probebohrung im Himmel" oder "Guerickes Sperling" zeigt der Jüngere allerdings schon an, dass die in sich ruhende Landschafts- und Kreaturseligkeit Lehmanns in unserer Zeit wohl nur bestehen kann, wenn sie ironisch aufgeraut ist.

 

Badische Neueste Nachrichten, Samstag 26.6.2010

Bericht zu dieser Veranstaltung: 

Liebenswerte Verspieltheit
Jan Wagner
las Lehmann-Gedichte und eigene Texte im Literaturhaus Karlsruhe

„Natur wird von schlechter, flauer Dichtung besonders leicht betrogen. Nur äußerste Gewissenhaftigkeit hält ihr stand. Ohne Eindruck kein Ausdruck. Sprache als Andächtigkeit vor ihrem Gegenstand." Das schrieb der Dichter Wilhelm Lehmann in einem Aufsatz 1967, ein Jahr vor seinem Tod im gesegneten Alter von 86 Jahren. Eine gerade vollendete neue Werkausgabe in acht Bänden bietet Stoff genug für eine Neubeschäftigung mit dem einst gefeierten und heute fast vergesse­nen Schriftsteller, der vor allem als Naturlyriker in die jüngere deutsche Literaturgeschichte eingegangen ist. Mitherausgeber Wolfgang W. Menzel, Dozent am Institut für deutsche Sprache und Literatur an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe, stellte Leben, Werk und die Gesamtausgabe von Wilhelm Lehmann im spärlich besuchten Literaturhaus im Karlsruher Prinz-Max-Palais vor. Überraschend war zu erfahren, dass Lehmann sich zunächst als Romancier betätigt hat, unter anderem mit dem Kriegsroman „Der Überläufer", der allerdings erst 1962 im Rahmen einer ersten Werkausgabe veröffentlicht wurde. Das allmählich abflauende Interesse an dem Autor, der in den Zeiten, als Hans Magnus Enzensberger und Ingeborg Bachmann den Ton der deutschen Lyrik angaben, mehr und mehr ins Hintertreffen geriet, konnte diese Publikation nicht wiedererwecken.

   Dass Wilhelm Lehmann, der in den fünfziger Jahren in einem Atemzug mit Gottfried Benn genannt wurde, nicht ganz vergessen ist, verrät die Gründung einer Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft in dessen Heimatstadt Eckernförde. Sie vergibt den Wilhelm-Lehmann-Preis. 2009 nahm ihn als Erster der Lyriker Jan Wagner entgegen. Es ist der bislang letzte einer ganzen Reihe von Preisen, die Wagner im Lauf seiner kaum mehr als ein Jahrzehnt währenden literarischen Karriere erhalten hat, so ziemlich am Beginn davon stand die Auszeichnung im Jahr 2001 mit dem Förderpreis des Karlsruher Hermann-Hesse-Literaturpreises.

„Jan Wagner schreibt konzentrierte Gedichte, die genaue Wahrnehmung und Einbildungskraft miteinander verbinden", bemerkte damals die Jury, der noch Walter Helmut Fritz angehörte. Jan Wagner ist ein ausgezeichneter Leser, und so brachte er im Anschluss an Menzels Vortrag in eindringlicher, suggestiver Manier einige Lehmann-Gedichte und einen Auszug aus seinem „Bukolischen Tagebuch" zu Gehör, Texte, die in der unangestrengten Bildhaftigkeit, mit der sie den Zauber der Natur und des Daseins einfangen, durchaus auch heute noch zu berühren vermögen.

Ganz zu schweigen von der Magie des Reims, den Lehmann mühelos beherrschte, der aber auch dazu beigetragen haben dürfte, dass seine Lyrik irgendwann als veraltet und unzeitgemäß abgetan wurde. Den Reim, zumindest den reinen, benutzt Wagner eher selten, aber in der Vorstellung einiger Gedichte aus seinem neuen Band „18 Pasteten" erwies er sich als lyrischer Virtuose, zu dessen Vorbildern ganz gewiss auch Wilhelm Lehmann zu zählen ist.

Die Andächtigkeit vor ihrem Gegenstand ist seiner Lyrik ebenso zu eigen wie eine liebenswerte Verspieltheit, die dazu nicht im geringsten Gegensatz steht. Bukolische Heiterkeit spricht aus einigen Gedichten, auch wenn man nicht jedes Bild auf Anhieb nachvollziehen kann („die Sterne glühen wie Kapern über mir"), vor allem aber eine Lust auf literarische Anspielungen. Wem das in seiner Gelehrsamkeit schon fast zu verstiegen scheint, den verblüfft er mit einer „Elegie auf Evel Knievel", den vor kurzem verstorbenen Motorradartisten, einem Meister in seinem Metier wie Jan Wagner in seinem.   

 Peter Kohl  

Die jetzt vollständig vorliegende neue Gesamtausgabe der Werke Wilhelm Lehmanns wurde in der überregionalen Presse  mit beachtlichen Kommentaren zur Kenntnis genommen.
Die Neue Züricher Zeitung und MERKUR, Deutsche Zeitung für europäisches Denken widmen ihr ausführliche Artikel.
Nacheinander erscheinende Einzelbände sind im Literaturteil der FAZ rezensiert worden. (s. Auflistung in DAS WERK)