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Mein Naturgedicht

Diese 28 Gedichte wurden am 20.11.2010 im Rahmen des Wilhelm-Lehmann-Nachmittags vorgetragen:

FRITZ DIETTRICH 1902-1964

April

Nun fällt die Welt nicht mehr zurück
In Dunkelheit und Graun.
Komm, auf dem kleinsten Wiesenstück
Ein Wochenbett zu schaun!

Ob Blumen, Käfer oder Gras,
Ob Maulwurf oder Maus,
Die ganze Kreatur genas
und wagt sich froh heraus. 

Dies Treiben hat die alte Welt
In Taumel hold versetzt,
Dem Baume Blüten zugesellt,
Ihn zart mit Grün benetzt. 

Und auf Verderben und Gedeih
Hängt Blatt und Blättlein feucht
Und lebt sich langsam knitterfrei
Und freut sich im Geleucht. 


Und wie dem Auge geschiehts dem Ohr:
Viel Stimmen fallen ein,
Und täglich reicher wird der Chor
An Vogelmelodein.

Was da durch Wald und Felder trollt,
Wenn nur das Licht erscheint,
Und was da kämpft und liebt und grollt,
Eh sichs in Lust vereint –

Als flösse Wein aus einem Quell,
Der alles rings berauscht,
Auch dich, der an verschwiegner Stell
Die Kreatur belauscht.

In dieses Herbstes Stunden

Noch immer stehen Blumen da,
Des Sommers letztes Gloria,
Zu schönem Strauß gebunden.
Und dennoch brechen fern und nah
Die Vögel auf nach Afrika
In dieses Herbstes Stunden.
Wenn ich die Züge kommen seh,
Ein Stück mit ihnen wandern geh,
Sie droben und ich drunten,
Geschiehts, dass ich, erfüllt von Weh,
Den letzten Flügel rudern seh,
Bis er dem Blick entschwunden.
Der Abend naht, und um mich her
Ist das Gefäß der Lieder leer,
Der Wald in Herbstes Stunden.
Und nur das Wörtlein „Wiederkehr“

Steht als ein Stern und leuchtet sehr,
Bis ich mich dreingefunden.

 

 

REINER KUNZE, geb. 1933

Der sommer geht weg

Die diestel schmeichelt mit weichem fell

Die mohnblume wirft ihr kleid ab

wie eine schwangere

 Die kamille franst aus

an den knöpfen

 Die wegwarte schließt sich

und ergraut

 

SARAH KIRSCH geb. 1935

Selektion

Welche Unordnung die Rosenblätter

Sind aus den Angeln gefallen der Wind

Blies sie ums Haus auf die Gemüsebeete.

Streng getrennt wachsen hier in den Gärten

Magen- und Augenpflanzen, der Schönheit

Bleibt ein einziges Beet

Während den ausgerichteten Reihen Früher Kartoffeln Möhren Endivien Kohl

Ein Exerzierplatz eingeräumt wird.

Die Wirrnis des Gartens verwirrt

Auch den Gärtner, jetzt muss

Durchgegriffen werden angetreten Salat

Richtet euch Teltower Rüben Rapunzel

Auf den Abfallhaufen Franzosenkraut

Wucherblume falsche Kamille und Quecke

Es ist verboten die nackten Füße

Wieder ins Erdreich zu stecken.

 

ULLA HAHN geb. 1946

Endstadium

Aber die Hoffnung hat kein Verfallsdatum

Das Rauschen der Wellen

Das Rauschen der Wälder

Nur welkes Laub zerfällt und die Kronen aus Schaum.

 

PETER FOX geb. 1971

Haus am See (Songtext)

Hier bin ich gebor’n und laufe durch die Straßen!Kenn die Gesichter, jedes Haus und jeden Laden! Ich muss mal weg, kenn jede Taube hier beim Namen.Daumen raus ich warte auf ne schicke Frau mit schnellem Wagen.Die Sonne blendet alles fliegt vorbei. Und die Welt hinter mir wird langsam klein. Doch die Welt vor mir ist für mich gemacht!Ich weiß sie wartet und ich hol sie ab!Ich hab den Tag auf meiner Seite ich hab Rückenwind! Ein Frauenchor am Straßenrand der für mich singt! Ich lehne mich zurück und guck ins tiefe Blau, schließ die Augen und lauf einfach geradeaus.

Und am Ende der Straße steht ein Haus am See. Orangenblätter liegen auf dem Weg. Ich hab 20 Kinder meine Frau ist schön. Alle kommen vorbei ich brauch nie rauszugehen.

Ich suche neues Land Mit unbekannten Straßen, fremde Gesichter und keiner kennt meinen Namen! Alles gewonnen beim Spiel mit gezinkten Karten. Alles verlieren, Gott hat einen harten linken Haken. Ich grabe Schätze aus im Schnee und Sand. Und Frauen rauben mir jeden Verstand! Doch irgendwann werd ich vom Glück verfolgt. Und komm zurück mit beiden Taschen voll Gold. Ich lad‘ die alten Vögel und Verwandten ein. Und alle fangen vor Freude an zu weinen. Wir grillen, die Mamas kochen und wir saufen Schnaps. Und feiern eine Woche jede Nacht.

Und der Mond scheint hell auf mein Haus am See. Orangenblätter liegen auf dem Weg. Ich hab 20 Kinder meine Frau ist schön. Alle kommen vorbei ich brauch nie rauszugehen.

Und am Ende der Straße steht ein Haus am See. Orangenblätter liegen auf dem Weg. Ich hab 20 Kinder meine Frau ist schön. Alle kommen vorbei ich brauch nie rauszugehn.

Hier bin ich gebor’n, hier werd ich begraben. Hab taube Ohr’n, ‚nen weißen Bart und sitz im Garten. Meine 100 Enkel spielen Cricket auf’m Rasen. Wenn ich so daran denke kann ich’s eigentlich kaum erwarten.

 

 

ULRICH SCHACHT geb. 1951

Ferner Morgen

FERNER MORGEN, von dem ich träume:

Seine Weite wird ungeheuer sein.

Wir werden gehen können –aufrecht im Licht.

Das Wasser aller Bäche Flüsse Seen:

durchschaubar bis auf den Grund, wo der Tag

die Leiber der Fische versilbert. -

Und auch seine Klarheit wird uns gehören.

Wir werden sehen können alle Farben dieser Stunde:

das Schwarz schattenspendender Felsen,

das Rot einer behutsamen Sonne, das Gelb getreidebestandener Ebenen.

Und bald darauf werden wir Höfe betreten, vertraute Häuser, darin wir zuvor niemals waren – werden Brot und Salz finden

 

WALTER HELMUT FRITZ 1929- 20.11.2010  ( ! )

Bäume

Wieder hat man in der Stadt,

um Parkplätze zu schaffen,

Platanen gefällt.

Sie wussten viel.

Wenn wir in ihrer Nähe waren, begrüßten wir sie als Freunde.

Inzwischen ist es fast zu einem Verbrechen geworden,

nicht über Bäume zu sprechen,

ihre Wurzeln, den Wind, die Vögel,

die sich in ihnen niederlassen,

den Frieden, an den sie uns erinnern.


JÜRGEN BECKER geb. 1932

Natur-Gedicht

in der Nähe des Hauses,

der Kahlschlag, Kieshügel, Kratererinnern mich daran –

nichts Neues; kaputte Natur,

aber ich vergesse das gern,

solange ein Strauch steht

WILHELM LEHMANN            1882-1968

Atemholen

Der Duft des zweiten Heus schwebt auf dem Wege,

Es ist August. Kein Wolkenzug.

Kein grober Wind ist auf den Gängen rege,

Nur Distelsame wiegt ihm leicht genug.

 

Der Krieg der Welt ist hier verklungene Geschichte,

Ein Spiel der Schmetterlinge, weilt die Zeit.

Mozart hat komponiert, und Shakespeare schrieb Gedichte.

So sei zu hören sie bereit.

 

Ein Apfel fällt. Die Kühe rupfen.

Im Heckenausschnitt blaut das Meer.

Die Zither hör ich Don Giovanni zupfen,

Bassanio rudert Portia von Belmont her.

 

Auch die Empörten lassen sich erbitten,

Auch Timon von Athen und König Lear.

Vor dem Vergessen schützt sie, was sie litten.

Sie sprechen schon. Sie setzen sich zu dir.

 

Die Zeit steht still. Die Zirkelschnecke bändert

Ihr Haus. Kordelias leises Lachen hallt

Durch die Jahrhunderte. Es hat sich nichts geändert.

Jung bin mit ihr ich, mit dem König alt.

 

GÜNTER EICH1907-1972

Ende eines Sommers

Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!

Wie gut, dass sie am Sterben teilhaben!

Die Pfirsiche sind geerntet, die Pflaumen färben sich,

während unter dem Brückenbogen die Zeit rauscht.

 

Dem Vogelzug vertraue ich meine Verzweiflung an.

Er misst seinen Teil von Ewigkeit gelassen ab. Seine Strecken

Werden sichtbar im Blattwerk als dunkler Zwang,

die Bewegung der Flügel färbt die Früchte.

 

Es heißt Geduld haben.

Bald wird die Vogelschrift entsiegelt,

unter der Zunge ist der Pfennig zu schmecken.


JAN WAGNER geb. 1971

Herbstvillanelle

den tagen geht das licht aus

und eine stunde dauert zehn minuten.

die bäume spielten ihre letzten farben.

 

am himmel wechselt man die bühnenbilder

zu rasch für das kleine drama in jedem von uns:

den tagen geht das licht aus.

 

dein grauer mantel trennt dich von der luft,

ein passepartout für einen satz wie diesen:

die bäume spielten ihre letzten farben.

 

eisblaue fenster – auf den wetterkarten

der fernsehgeräte die daumenabdrücke des tiefs.

den tagen geht das licht aus,

 

dem leeren park, dem teich: die enten

werden an unsichtbaren fäden aufgerollt.

die bäume spielten ihre letzten farben.

 

und einer, der sich mit drei sonnenblumen ins dunkel tastet,

drei schwarzen punkten auf gelb:

den tagen geht das licht aus.

die bäume spielten ihre letzten farben.

 

OSKAR LOERKE 1884-1941

Weichbild

Niemand ging verloren.

Das Korn selbst schläft gezählt in den Ähren,

Doch bangt sich ein Wehruf unstillbar.

 

Niemand ward erschlagen.

Doch bücken im Zwielicht sich Hände

Und waschen Blut von der Erde.

 

Alles hat seinen Ort: hier bin ich!

Im Garten blühn Pantoffelblumen.

Ach! und die Sterne steigen

In die verlassenen Wassertröge.

 

 Blauer Abend in Berlin

Der Himmel fließt in steinernen Kanälen,

Denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen

Sind alle Straßen, voll vom Himmelblauen;

Und Kuppeln gleichen Bojen, Schlote Pfählen

 

Im Wasser. Schwarze Essensdämpfe schwelen

Und sind wie Wasserpflanzen anzuschauen.

Die Leben, die sich ganz im Grunde stauen,

Beginnen sacht vom Himmel zu erzählen,

 

Gemengt, entwirrt nach blauen Melodien.

Wie eines Wassers Bodensatz und Tand

Regt sie des Wassers Wille und Verstand

 

Im Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.

Die Menschen sind wie grober bunter Sand

im linden Spiel der großen Wellenhand.

 

PETER HUCHEL1903-1981

Psalm

Dass aus dem Samen des Menschen

Kein Mensch

Und aus dem Samen des Ölbaums

Kein Ölbaum

Werde, Es ist zu messen Mit der Elle des Todes.

Die da wohnen

Unter der Erde In einer Kugel aus Zement, Ihre Stärke gleicht

Dem Halm Im peitschenden Schnee.

Die Öde wird Geschichte. Termiten schreiben sie

Mit ihren Zangen In den Sand.

Und nicht erforscht wird werden

Ein Geschlecht,

Eifrig bemüht,

Sich zu vernichten.

 

CHARLES LATANE

Meeresbiologische Erkenntnisse

Es hat der Hering, so viel ist klar,

An Bauch und Rücken kein einziges Haar.

Klar ist auch, der Scholle Augen

Beide zur selben Seite schaugen.

Am klarsten aber ist in jedem Falle Die Qualle

 

WILHELM LEHMANN 1882-1968

Der Unheilige

Schwarzgefleckt sind meine Schwingen

Dichten muss ich um zu leben

Jenseits meines Weges liegt das Land der blauen Schatten

Finkenbunte Bäume schütteln sich ihr Gefieder

Sieh, die Ammer kennt man schon im Fluge an dem langen Schwanze

Und der Sommersänger hat vier rostig braune Flügel –

Eilig sind in diesem Jahr gereift die Früchte

Die Kastanie und die Hagebutte wölbt sich schon:

Fruchtlos zieh ich meine heißen dürren Wege

Dichten muss ich um zu leben.

 

OSKAR LOERKE1884-1941

Diesseits

Da die Sonne mit ihrem Winde

Die Wipfel der Linden und Lebensbäume

Auseinanderbläst und eintritt:

Weckt mich Licht und Gerausch, als verschlüge

Jemand ein Buch mir, das ich, entwandert,

In seinem Jenseits gelesen hätte –

Nun ist es aus meinen Händen verschwunden.

Doch Licht ruft in Zungen aus dem Blattzelt:

Ich habe keine heiligen Schriften geschrieben, Ich wollte niemals heilige Schriften schreiben, Ich will im schönen Erdengarten bleiben.

 

KAY HOFF geb. 1924

Privat

Wenn endlich, sehr spät,

das einsame Fenster verlischt, und die Nacht

sickert ungeklärt in die Zeit ,

trübe von eitlen Hoffnungen,

vergeblichen Wünschen:

träumst du, vielleicht,

noch einmal die offene See,

den seidigen Strand unter dir, unter uns

weißt den Widerschein von Wellen und Steinen

und die alten Wahrheiten,

 mit denen wir lebten

und leben.

 

INGE TITZCK, geb. 1931

Amrum

Sonne leuchtet uns fort

vom Treiben der Welt

Wind verwirbelt

ihre Wortfetzen zu Unendlichkeit verwehen unsere Spuren

im Sand der Dünen unterm Horizont

strahlt Ginster in seinem Gelb

die Lerche steigt

aber unser Fuß

berührt die Erde

 

GOTTFRIED BENN 1886-1956

Astern

Astern – schwälende Tage,

alte Beschwörung, Bann,

die Götter halten die Waage

eine zögernde Stunde an.

 

Noch einmal die goldenen Herden

der Himmel, das Licht, der Flor,

was brütet das alte Werden

unter den sterbenden Flügeln vor?

 

Noch einmal das Ersehnte,

den Rausch, der Rosen Du –

der Sommer stand und lehnte

und sah den Schwalben zu,

 

noch einmal ein Vermuten,

wo längst Gewissheit wacht:

die Schwalben streifen die Fluten

und trinken Fahrt und Nacht.

 

Anemone

Erschütterer -: Anemone,

die Erde ist kalt, ist nichts,

da murmelt deine Krone

ein Wort des Glaubens, des Lichts.

Der Erde ohne Güte.

der nur die Macht gerät,

ward deine leise Blüte

so schweigend hingesät.

Erschütterer -: Anemone,

du trägst den Glauben, das Licht,

den einst der Sommer als Krone

aus großen Blüten flicht.

 

OSKAR LOERKE 1884-1941

   Pansmusik

Ein Floß schwimmt aus dem fernen Himmelsrande,

Drauf tönt es dünn und blass

Wie eine alte süße Sarabande

Das Auge wird mir nass.

Es ist, wie wenn den weiten Horizonten

Die Seele übergeht,

Der Himmel auf den Ebnen, den besonnten,

Aufhorcht wie ein Prophet.

 

Und eine arme Weise in die Ohren

Der höhern Himmel spricht:

Das Spielen wankt, im Spielen unverloren,

Das Licht wankt durch das Licht.

 

Heute fährt der Gott der Welt auf einem Floße,

Er sitzt auf Schilf und Rohr,

Und spielt die sanfte, abendliche, große,

Und die spielt die Welt sich vor.

 

Er spielt das große Licht der Welt zur Neige,

Tief aus sich her den Strom

Durch Ebnen mit der Schwermut langer Steige

Und Ewigkeitsarom.

 

Er baut die Ebenen und ihre Städte

Mit weichen Mundes Ton

Und alles Werden bis in dieses späte

Verspieltsein und Verlohn:

 

Doch alles wird zu stillendem Genusse

Den Augen bloß, dem Ohr.

So fährt er selig auf dem Flusse

Und spielt die Welt sich vor.

 

So fährt sein Licht und ist bald bei den größern,

Orion, Schwan und Bär:

Sie alle scheinen Flöße schon mit Flößern

Der Welt ins leere Meer.

 

Bald wird die Grundharmonika verhallen,

Die Seele schläft mir ein,

Bald wird der Wind aus seiner Höhle fallen,

Die Tiefe nicht mehr sein.

   Das Brausen

Hört das Geklirr, hört das Gescharr!

Ins Ohr schleppt uns die Welt der Wind.

Ihr nennt uns irr, ihr nennt uns Narr,

Weil wir dem Wehn verschworen sind.

Ihr hört im Walde nur Gelull,

Und wie ihr wollt, lullt es euch ein.

Der Holzwurm sägt, es fällt der Mull,

Bald wird kein Wald gewesen sein.

Bleibt reich! Wir lagern uns im Ton

Des Wehns auf eine Gabel Stroh,

Wir sind sein Sohnessohn und Sohn;

Wie klang es einst? Es klingt noch so:

Wenn es, wo Herbst, der Vielzahn, äst,

Durch gelb und roter Runen Fall

Aus einem andern Reiche bläst,

Dann tritt die Göttin aus dem Schwall.

Sie spricht uns an: „Verwaltet ihr

Das Wesen Wind, das Wesen Licht,

So walten wir. Erkaltet ihr

Und lebt nur euch, so sind wir nicht.“

 

LUDWIG GREVE (1924-1991)

Bei Ebbe I

Sand über Sand: die Körner, jedes ein Lichtkorn.

Unsere Füße glänzen,

wenn sie aufnimmt das leicht gehäufte Grab,

und sie entrinnen leichter, der Kraft enthoben.

 

Vorne, am feuchten Rand der Insel,

trägt uns der Rücken großen Fisches; die Wellen

drückten ihm Schuppen ein,

eh sie auf zart geschriebener Grenze

Abschied nahmen. Einige, halb gezähmt,

hüllen das Licht in Körper; ich sehe es atmen,

während langsam das Ufer

Strömung, Strömung mit glasiger Haut überzieht.

 

Nimm das Feste von uns,

Meer, beruhige diesen störrischen Willen.

Draußen dein Schwall, dein Sturz und wieder die Glätte

rollenden Augapfels: Erde, Sonne

auf deiner Iris – erschüttert vom Anfang,

trübt sich das Weiße, runzelt und bricht die Wellen.

 

Hier. Im Ruch gefangener Fische.

Auf dem Boden, tönend wie eine Brust,

Halme, vom Wind gestriegelt, blinken metallisch,

aber der Eintönige, Helle

facht kein Feuer mehr an. Die Haare streift dir

Dämmerung, weißer Flügel. Wir sind allein.

Um uns die leere, Salzkorn an Salzkorn;

Leere, Erwartung -.

 

REIMER WITTMANN

Herbstlicher Waldgang

Zwielicht und frühe Dämmrung

begleiten meinen Gang,

mir nach vom First im Ohre

tönt später Amsel Sang.

Der Waldpfad, hell und dunkel,

gefleckt vom milden Licht,

ein Specht, energisch hämmernd,

die Stille unterbricht.

Wie auf geheimes Zeichen

löst sich das Blatt vom Baum,

ein Moderduft von Pilzen,

am Himmel Zirrenschaum.

Laub, Moos und Fichtennadeln

dämpfen den schnellen Schritt

,grotesk gelängt, mein Schatten

wandert beharrlich mit.

Der glatte Stamm der Buche

zieht wipfelwärts den Blick,

verweilt in dunkler Krone,

kehrt bald zum Grund zurück.

 

Garten im Dezember

Es ruhen die Hortensien,

Glyzinie entlaubt;

Wind beugt der Felsenbirne

das blanke, kühle Haupt.

Der Feuerdorn erloschen,

zerschlissen Vogelnest;

nur noch das Gimpelmännchen

rotbrüstig im Geäst.

Der Oleander schlummert

im Gartenhaus vermummt;

Grasmücke längst verflogen,

Amselgesang verstummt.

Auf dem Podeste Amor

eisgrau und regennass;

Krähen und Elstern schnarren,

der Rasen winterblass.

Das blaue Flammenwunder

des Rittersporns – verglüht;

Nebel und Grabeskühle

im Garten, im Gemüt.

Ich bin wie die Erzväter

des Lebens übersatt;

die Lust ist ausgelaufen,

Gehirn und Sinne matt.

Doch Ribes, Rhododendron

sind schon von Knospen schwer.

Herz, wirst du wieder tauchen

in Sommers Blütenmeer?

 

WILHELM LEHMANN 1882-1968

Abgeblühter Löwenzahn

Verwandle dich und werde leicht,

Zerfasere zu Samenhaar,

Gemindert schwebt, ein dünnes Korn,

Was gestern Strahlenball noch war.

Verwandlungsträchtig, warst du kaum,

Und saugst dich frisch im Leben fest,

Das dich und mich, treuloser Staub,

An keiner Stelle weilen lässt.

 

Begleite Vers die Flüchtigkeit.

Gebiete er, gebiete zart;

Sei, wie von meinem Finger du,

Das Schwindende von ihm bewahrt.

 

Ein zweites Dasein überwächst

Das erste, das geopfert liegt.

Verweh es denn wie Löwenzahn,

Damit es traumgekräftigt fliegt.